Der 9. November- Ein deutscher Schicksalstag

Mehr Demokratie e.V. Sachsen beteiligte sich an Mahnwache und Gedenkaktion "Stolpersteine" am 09. November 2009 in Leipzig.

 

Für uns Deutsche ist der 9. November nicht nur der Tag an dem vor 20 Jahren die „Mauer“ fiel, sondern auch ein Tag der Mahnung. Vor 71 Jahren wurde in der Reichspogromnacht das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen: die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und vieler anderer Menschen. Auch das vergessen wir an diesem Tag nicht.

Am Nachmittag des 09.November 2009, dem Tag, an dem vor 20 Jahren die „Mauer” fiel, fand am Mahnmal der ehemaligen Synagoge in der Gottschedstrasse eine Auftaktveranstaltung zu den Mahnwachen an den Stolpersteinen in Leipzig statt.
Vor genau 71 Jahren wurde hier, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, die Große Gemeinde- Synagoge von aufgeputschten Einwohnern der Stadt Leipzig in Brand gesteckt.

 

Heute erinnern 140 schlichte Bronzestühle in einer bepflanzten Fläche, die den Grundriss der Synagoge nachzeichnet, an die Zerstörung dieses zentralen Ortes jüdischen Lebens in Leipzig und die verfolgten, ausgegrenzten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt.

„Man darf sich nicht nur auf die Stühle setzen”, sagt der Architekt Sebastian Helm, „es ist sogar gewollt, dass die Leute hier Platz nehmen”.

Sie sollen verstanden werden als Einladung zum Verweilen, zum Rückblick auf das einstige jüdische Leben in Leipzig und zum Ausblick in die Zukunft.

Dieses Mahnmal steht somit als Sinnbild für Verlust und Verlassenheit. Es wurde im Juni 2001 eingeweiht, nach einem Entwurf von Anna Dilengit und Sebastian Helm, als Mahn- und Gedenkstätte für die Pogromnacht und die Vertreibung und Ermordung von Tausenden Leipziger Juden.

Seit dem Jahr 2006 gibt es das Projekt Stolpern über die Erinnerung, das von Gunter Demming, einem Kölner Bildhauer, in ganz Europa initiiert wurde.

In Leipzig finden wir heute 59 „Stolpersteine” vor den Häusern von ehemaligen, jüdischen Mitbürgern. Auf einer in den Gehweg eingelassenen Messingplatte stehen jeweils Namen und Schicksal (so weit recherchierbar) der Deportierten. Weitere „Stolpersteine” sollen folgen um die Erinnerung an NS-Verfolgte wieder ins Gedächtnis rufen und wach halten.

Mehr Demokratie e.V. Sachsen nahm Anteil am Aufruf zur Aktion „Stolperstein putzen”. Diese Aktion, die an allen Stolpersteinen der Stadt Leipzig gleichzeitig stattfand, war ein Gemeinschaftsprojekt von Gruppe „Gedenkmarsch” - Leipzig,  Friedenszentrum Leipzig e.V., Friedensweg e.V. -  Leipzig,  VVN - BdA Leipzig und IWOS beim DRZ e.V., gedacht als öffentliches Zeichen des Gedenkens an die Opfer der Reichspogromnacht und Bekenntnis gegen das Wiederaufleben von nazistischem Gedankengut, Rassismus und Antisemitismus.

Lautete doch das Motto der Initiatoren: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!”

Mehr Demokratie e.V. hatte einige Tage zuvor einen Flyer mit dem Titel „Mein jüdischer Nachbar” am Haus angebracht, in den umliegenden Geschäften und der gegenüberliegenden Schule verteilt. Selbst im Finanzamt war man der Aktion gewogen. Vom Küster der Kirche am Nordplatz wurde dieser Flyer im Schaukasten angebracht, um vorübergehende Passanten aufmerksam zu machen. Auf diese Weise wollten wir die Nachbarschaft auf das Ereignis in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld hinweisen und in die Aktion einbeziehen.

 

Mehr Demokratie e.V. Sachsen und Schüler der 94. Mittelschule Grünau mit ihrer Schulsozialarbeiterin hielten am Stolperstein von Dr. Felix Cohn vor seiner ehemaligen Praxis/ Wohnung am Nordplatz 3 in Gohlis eine Mahnwache ab. Die Messingplatte des Stolpersteins wurde geputzt, Kerzen zur Erinnerung angezündet und Blumen niedergelegt.  Die Schüler und Schülerinnen lasen abwechselnd den Lebenslauf von Dr. Cohn vor.

 

Eine engagierte Hausbewohnerin, die sich von den Worten der Akteure: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun” nachdenklich gemacht und sehr angesprochen fühlte, nahm ebenfalls an der Mahnwache teil. Auch sie hatte eine Gedenkkerze für den ehemaligen jüdischen Hausbewohner entzündet.

Selbst aus dem Nachbarhaus fanden sich zwei junge interessierte Mütter mit ihren insgesamt fünf Kindern ein.

Diese Gruppe unterschiedlichster Menschen jeden Alters dachten gemeinsam an das Schicksal des HNO- Arztes und seiner Familie und an die Folgen der Pogromnacht für Deutschland und der daraus folgenden politischen Entwicklung.


 

Der 9. November ein Schicksalstag  in der Geschichte Deutschlands.

 

Am Tag dieses Datums wurde nicht nur Robert Blum erschossen (1948), das Ende der Monarchie wurde verkündet und die parlamentarische Republik verkündet (Novemberrevolution in Berlin,1918) und es folgte der Hitler- Ludendorff-Putsch in München (1923).

 

Der schwärzeste Tag in der deutschen Geschichte war im Jahr 1938, als die sogenannte Reichskristallnacht inszeniert wurde und innerhalb weniger Tage Hunderte von unschuldigen Juden ermordet wurden und der Antisemitismus in Deutschland bis zum industriell betriebenen Völkermord ausuferte

 

Der glücklichste Tag dagegen fand im Jahr 1989 statt. Fiel hier doch zwischen dem durch die Kriegsfolgen zweigeteilten Staat die „Mauer” und es begann eine Ära der Einigkeit, des Rechts und der Freiheit.

 

Doch Freiheit entsteht nicht von selbst. Freiheit muss erkämpft werden. Freiheit muss immer wieder verteidigt werden. Dann bleibt Freiheit, was sie ist: das kostbarste Gut unserer politischen und gesellschaftlichen Ordnung.

 

Ohne Freiheit keine Demokratie, ohne Freiheit keine Vielfalt, keine Toleranz.

 

Und das macht den 9. November in Deutschland für immer zu einem großen Tag der Freude über die Wiedervereinigung, aber auch immer zu einem Tag des Gedenkens der Verbrechen an Tausenden von unschuldigen, jüdischen Bürgern.